Ende des Immobilienmarkts in Griechenland

11. Januar 2012 / Aktualisiert: 30. Juni 2013 / Aufrufe: 1.798

Experten erachten die neuen Steuermaßnahmen und anstehende Anhebung der Sachwerte als endgültigen Gnadenschuss für den Immobilienmarkt in Griechenland.

Die Erhöhung der amtlichen Immobilien-Sachwerte in Kombination mit mit dem neuen System zur Besteuerung des Immobilienvermögens in Griechenland wird nicht nur den Gnadenschuss für einen halbtoten Immobilienmarkt bedeuten, sondern auch zu einer unglaublichen Steuerjagd auf hunderttausende Immobilieneigentümer führen. Ebenfalls werden mit der Anhebung der Sachwerte auch die notariellen Provisionen, das Honorar des – in der Regel obligatorisch – zu bestellenden Rechtsanwalts, die Kosten der Eintragung von Rechten in Grundbuch / Hypothekenregister, die Vergütung des Immobilienmaklers sowie auch global alle Abgaben und Gebühren sprunghaft ansteigen, die auf Basis der Sachwerte erhoben werden.

Die Angleichung der Immobilien-Sachwerte war ursprünglich ab Anfang 2012 gedacht, scheint jedoch inzwischen für wenigstens ein halbes Jahr zurückgestellt worden zu sein und ab dem kommenden Juni 2012 zu beginnen. Zusammen mit den Sachwerten wird höchstwahrscheinlich auch das neue Besteuerungssystem für das Immobilienvermögen gelten, das unter anderem eine Zusammenlegung aller immobilienbezogenen Steuern vorsieht.

Folgen der Erhöhung der amtlichen Immobilien-Sachwerte

Aus der heutigen Marktlage geht jedenfalls hervor, dass die Marktpreise in den beiden letzten Jahren infolge der Wirtschaftskrise und des Absturzes des griechischen Immobilienmarkts um bis zu 30% gefallen sind. Diese Minderung bedeutet automatisch, dass sich die Schere zwischen den offiziellen Sachwerten und den derzeit auf dem Markt „spielenden“ Preisen geschlossen hat. Eine unkontrollierte Erhöhung der Sachwerte wird gleichzeitig alle Geschäftsvorgänge in der Branche verteuern und parallel bewirken, dass infolge des von 400.000 Euro auf 200.000 Euro gesenkten Freibetrags tausende Eigentümer unter das das System der Immobilienbesteuerung fallen.

In Einzelheiten wird die Angleichung der Immobilien-Sachwerte unter anderem belasten:

  • Die Immobiliensteuer, zu der alle Steuerzahler veranlagt werden, die persönliches Immobilienvermögen von mehr als 200.000 Euro besitzen.
    Fortan handelt es sich nicht mehr um eine Besteuerung „großen Vermögens“, sondern um eine Rückkehr zur „Einheitlichen Immobilienabgabe“ (ETAK) durch die Hintertür. Laut dem Panhellenischen Verband der Immobilienbesitzer (POMIDA) schlägt sich der finanzielle Aderlass der Immobilienbesitzer in dem mit einem Satz von 0,2% besteuerten Sachwert-Segment ab 200.000 bis 400.000 Euro mit 400 – 800 Euro nieder. Auch Eigentümer, die dieser Besteuerung bisher noch knapp entgehen konnten, werden 2012 also definitiv in das Visier des Finanzamts geraten.
  • Die Transaktionssteuer auf Erbschaften, Schenkungen und elterliche Zuwendungen.
    Die einschlägigen Freibeträge belaufen sich derzeit auf 200.000 Euro für Ledige bzw.  250.000 Euro für Verheiratete und erhöhen sich um 25.000 Euro für jedes der beiden ersten Kinder und um 30.000 Euro für das dritte und jedes weitere Kind. Über diese Freibeträge hinausgehende Übertragungen unterliegen einer Transaktionssteuer mit einem Satz von 10%.
    Experten betonen, dass im Fall einer Erhöhung der Immobilien-Sachwerte ohne Angleichung auch der Steuerfreibeträge der Steuersturm alle Eigentümer treffen wird.
  • Die sich derzeit auf 8% – 10% belaufende Übertragungssteuer.
    Für die Übertragung einer Immobilie mit einem offiziellen Sachwert in Höhe von 100.000 Euro sind 8% für den Wert bis 20.000 Euro und 10% für den restlichen Betrag, also insgesamt 9.600 Euro zu entrichten. Wenn die Immobilie einen Sachwert von 130.000 Euro erhält, beträgt die Steuer dann 12.600 Euro.

Im übrigen steigen analog zu der Erhöhung der amtlichen Sachwerte natürlich auch die Provision des beurkunden Notars, das Honorar des mitwirkenden Rechtsanwalts, die Kosten der Eintragung dinglicher Rechte in Grundbuch oder / und Hypothekenregister und die Courtage des Maklers. Wenn beispielsweise ein Notar 1% bei einem Sachwert von 100.000 Euro erhält, erhebt er von dem Käufer eine Provision in Höhe von 1.000 Euro. Werden die Sachwerte um 50% erhöht, steigt das Honorar des Notars auf 1.500 Euro.

Schließlich ist nicht zu vergessen, dass für die „regulierten“ teilumbauten Flächen und Schwarzbauten zwar keine rückwirkende Steuer zu entrichten sein mag, diese Flächen und Gebäude ab dem nächsten Jahr jedoch auf dem Formular E9 deklariert werden müssen, womit Steuern und fiktive Veranlagungen auf Basis der neuen Fläche der Wohnung / des Hauses berechnet werden. Die größte Abzocke, die letztendlich alle Haushalte und Unternehmen trifft, stellt jedoch die auf alle elektrifizierten Flächen erhobene neue Sonderabgabe elektrifizierte Flächen dar, die obligatorisch über die Stromrechnung der DEI bzw. der alternativen Stromanbieter zu entrichten ist.

(Quelle: Vradyni)

  1. Bernd
    11. Januar 2012, 19:25 | #1

    Während einige Standardmedien fast frohlockend / schmunzelnd über die rigiden Maßnahmen der Troika berichten und sich freuen, dass Griechenland die Daumenschrauben angezogen werden, muss man voller Sorge sein, dass man sich ein Land ausgeguckt hat, um zu sehen, wie heftig man ein Volk strangulieren kann, bevor es zur Revolution aufruft.

    Ich warne davor, den PIRATEN zu glauben: sie haben unlängst veröffentlicht, ggf. zusammen mit den GRÜNEN und der FDP (!!!!) im Bundestag eine Koalition eingehen zu wollen; ausgerechnet die FDP, die Neoliberalismus sich auf die Fahnen geschrieben hat: http://www.welt.de/politik/deutschland/article13794430/Piraten-wollen-mit-FDP-und-Gruenen-an-die-Macht.html ( damit ihr das glaubt )!

    Monti/Italien warnte gestern davor, dass sein Volk aufstehen könnte und antieuropäische Stimmung auf der Straße auslösen könnte. WARUM NICHT!?

    Liebe griechische Freunde,
    wartet nicht ab, steht auf! Nehmt Eure Nachbarn mit! Es ist Zeit, der EU- Diktatur die Zähne zu zeigen. Ohne den Euro wird es Euch besser gehen, weil Eure Waren international wettbewerbsfähig werden. Vertraut nicht den Finanzhaien!

  2. Andreas aus Leipzig
    12. Januar 2012, 03:26 | #2

    Hallo Bernd,

    Ich muss Dich korrigieren, die PIRATEN haben keinerlei mögliche Koalition mit einer Alt-Partei (CDUSPDCSUFDPGRÜNELINKE) auf Bundesebene beschlossen. Die von Dir angesprochene Koalition mit den GRÜNEN und der FDP spiegelt die private Meinung,nicht die Parteimeinung, von Sebastian Nerz wieder, zugegeben derzeit Bundesvorsitzender. Auch seine Distanz zur Linkspartei ist auf Gesamtparteiebene durchen keinen Beschluss gedeckt. Er musste für diese Passagen im Interview mit einer Passauer Zeitung partei-intern auch sehr viel Kritik einstecken.
    Natürlich machen wir Poltik um in Deutschland und Europa einiges zu verändern, dazu streben wir auch in die Parlamente als Orte der Poltikgestaltung. doch man sollte ein Schritt nach dem anderen gehen. Eine Regierungsbeteilung 2013 käme meiner Meinung nach zu früh, da wir so vom Politikbetrieb gleich wieder „aufgefressen“ werden würden.
    Ich denke Sebastian Nerz (tirsales.de) wollte damit sagen, dass es seiner Meinung nach derzeit am ehesten Berührungspunkte mit den Grünen und der FDP gäbe im Gegensatz zur Union und SPD sowie Linke.
    Da wir aber noch an unserem Programm arbeiten (Zur Mitarbeit ist jeder eingeladen) und noch nicht im Bundestag sind,stellt sich diese Frage nicht (Sooft sie auch von Journalisten-seite kommt)

    mfg Andreas, Pirat aus Leipzig

  3. Andreas aus Leipzig
    12. Januar 2012, 03:34 | #3

    Ergänzung: Also die Frage nach etwaigen Koalitionen mt X,Y auf Bundesebene stellt m.E. derzeit nicht, da erst ein umfassendes Programm von den derzeit ca. 20.000 Mitgliedern + Sympathisanten bis Mitte 2013 erarbeitet werden muss.

    mfg Andreas, Pirat aus Leipzig

  4. NoBody
    12. Januar 2012, 04:06 | #4

    @Bernd
    obwohl ich mit den (meisten) Griechen mitfühle (die Situation ist sehr schwierig im Moment und auch noch für längere Zeit), diese feuchten Revolutions-Träume führen ja auch zu keinem Ergebnis.
    Quote:“Ohne den Euro wird es Euch besser gehen…“. Wirklich? Was ist mit den aktuellen Schulden – in EURO? Von welchen Waren, die international wettbewerbsfähiger werden, sprechen Sie? Was bei der Wiedereinführung der Drachme passieren wird ist: Griechische Produkte werden für Griechen billiger – der Rest der Welt wird (bei Wiedereinführung der Drachme und der damit zwangsläufig verbundenen totalen Abschreibung aller GR. Schulden) auf Griechenland ‚pfeifen‘ bzw. es nur begrüßen, dass man ‚dort‘ jetzt ur-billig Urlaub machen kann. Viel schlimmer: ausländische Produkte werden in Griechenland dann für den Normalbürger unerschwinglich sein … und jetzt gehen Sie (falls Sie vor Ort sind) in einen Supermarkt und prüfen die Produktverteilung (wie viele sind aus Griechenland, wie viele aus dem ‚Ausland‘).
    Meine 5cents (nachdem ich Ende 2011 nach 3,5 Jahren meine Zelte in GR abgebrochen habe/abbrechen musste): Jegliche Maßnahme, den GR default zu verhindern muss an entsprechende Gegenleistung gebunden werden. ALLERDINGS: ‚Gegenleistung‘ bedeutet für mich nicht: ‚Schaffung eines Billiglohn-Landes, Quälen der Bevölkerung,…‘.
    Ich denke eher an: Korruptionsbekämpfung und Optimierung der Verwaltung (große Einsparungspotentiale) bzw. Optimierung von Verwaltungsabläufen (für Europäer unverständliche Regelungen, welche nur geschaffen wurden, um diverse Berufsgruppen wie Rechtsanwälte, Notare,… in diverse Vorgänge einzubinden und ihnen somit ein Zubrot zu garantieren; Regelungen, die darauf abzielen, dass Strafen gezahlt werden müssen – weil im ‚real-life‘ die gesetzten Fristen niemals eingehalten werden können) – ich denke daran, dass Steuersünder konsequent verfolgt werden müssen (bzw. die IRS-Angestellten, die diese Personen decken), etc. etc.

    Ich kenne persönlich viele Griechen, die einen guten Job machen, kompetent und ehrlich sind, die aber die aktuelle Situation Griechenlands mit den Worten kommentieren: „jetzt muss sich etwas ändern – und zwar die Grundeinstellung vieler meiner Mitbürger“.

    Ich habe natürlich auch keinen umfassenden Lösungsvorschlag. Der Weg, der im Moment beschritten wird … Massensteuern – direkt oder indirekt (benzin, stom,Grundsteuer,….) … kann nicht die Lösung sein. ICH würde mir z.B. einen gr. Politiker wünschen, der zum Beispiel ‚the balls‘ hat, die Privilegien (auch steuerlich) der Griechisch-Orthodoxen Kirche in Frage zu stellen (warum werden Priester vom Staat bezahlt, warum muss die Kirche keine Steuern zahlen, warum haben höhere Würdenträger einen eigenen Chauffeur – vom Staat und somit vom Steuerzahler bezahlt, …).

    Summary: gäbe es eine EU-weite Volksabstimmung, wäre ICH dafür, Griechenland mit allen notwendigen Mitteln zu unterstützen (und genau vor den Finanzhaien zu bewahren), aber NUR unter gewissen Bedingungen, von denen ich einige schon weiter oben angeführt habe.

    however …. lg

  5. 15. Januar 2012, 18:08 | #5

    Und noch etwas Neues wird gerade ausgegoren, was den Immobilienmarkt samt dem Bauwesen zusätzlich abwürgen wird: Ein Gesetz zur Einschränkung der Nutzung von Grund und Boden (http://www.opengov.gr/minenv/wp-content/uploads/downloads/2011/12/xriseis_gis-19-12-2011-pdf.pdf), wonach außerhalb des Bebauungsplans liegender Grund und Boden nur noch unter sehr eingeschränkten Bedingungen bebaubar ist (siehe Artikel 14 vorstehenden Gesetzentwurfes).

  6. tim straub
    16. Januar 2012, 06:18 | #6

    @Ursula Katharina Papajoannou
    gibt es den artikel auch auf deutsch?

  7. 17. Januar 2012, 11:20 | #7

    @tim straub
    Nein, eben weil bisher nichts auf Deutsch zu finden ist über den neuen Gesetzentwurf, deshalb habe ich ihn hier im Blog erwähnt, in der Hoffnung und Erwartung, dass die Administration einen Artikel darüber verfasst. Beratungsschlusstermin für den Entwurf ist vorerst der 31.01.2012.

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