Steuerwahn in Griechenland kennt keine Grenzen

3. Dezember 2011 / Aktualisiert: 30. Juni 2013 / Aufrufe: 2.325

In Griechenland sind ungefähr 5,5 Millionen Steuerzahler aufgefordert, bis spätestens Ende Februar 2012 bis zu zehn verschiedene Steuern und Sonderabgaben zu entrichten.

Die Erledigung dutzender – außerordentlicher und nicht – steuerlicher Verpflichtungen durch die Bürger, in Kombination mit dem von der Regierung fieberhaft vorbereiteten neuen Paket von Spar- und Steuermaßnahmen in Höhe von 7 Mrd. Euro für die Jahre 2013 – 2015, stellen das Puzzle des Marathon-Golgatha dar, den Haushalte und Unternehmen in Griechenland in dem unmittelbar bevorstehenden Zeitraum zu bewältigen aufgefordert sind.

Die Tribute an das Finanzamt müssen unmittelbar eingetrieben werden, weil anderenfalls der Staatshaushalt des Jahres 2011 und das „Mittelfristige Volkswirtschaftliche Rahmenprogramm 2011 – 2015“ völlig aus dem Rahmen zu laufen drohen. Um vorgesehene Einnahmen in Höhe von über 12 Milliarden Euro noch dem Haushaltsabschluss des Jahres 2011 zurechnen zu können, haben Millionen griechischer Steuerzahler bis spätestens Ende Februar 2012 bis zu zehn verschiedene Steuern und Sonderabgaben zu entrichten:

1. Außerordentliche Solidaritätsabgabe auf Einkommen und Renten

Bis zum 30. November 2011 war die dritte Rate des Multisteuerbescheids von allen zu entrichten, die den Bescheid bereits im September 2011 erhalten hatten, oder die erste Rate, sofern der Bescheid erst kürzlich zugestellt wurde. Die nächste Rate ist bis Ende Dezember 2011 zu zahlen. Ab Januar 2012 wird außerdem die dem (voraussichtlichen) Einkommen des Jahres 2012 entsprechende Sonderabgabe jeden Monat zusammen mit der Einkommensteuer für Arbeitnehmer und Rentner einbehalten werden.

2. Gewerbeabgabe für das Jahr 2011

Freiberufler, Selbständige und Unternehmen zahlen außer der Sonderabgabe auf ihre Einkommen auch die neue Gewerbegebühr. Die Mitte 2011 rückwirkend beschlossene neue Abgabe wurde für das Jahr 2011 auf einheitlich jeweils 300 Euro für den (Haupt-) Geschäftssitz und weitere 300 Euro für jede Filiale festgesetzt. Für das Jahr 2012 steigt die Gebühr je nach regionaler Einwohnerzahl auf jeweils bis zu 500 Euro.

3. Sonderabgabe auf Lebenshaltungskosten des Jahres 2011

Mit dem Multi-Bescheid zahlen auch die Eigentümer von Privatfahrzeugen mit einem Hubraum von über 1.929 cm³, die Inhaber von Freizeitbooten sowie auch alle Besitzer von Swimming-Pools eine Sonderabgabe, die entsprechend auf Basis des Hubraums (PKW), der Länge (Boote) oder der Fläche (Pools) erhoben wird.

4. Immobilien-Sondersteuer des Jahres 2011

Im Gange ist der Versand der Stromrechnungen der öffentlichen Elektrizitätsgesellschaft DEI bzw. der alternativen Stromlieferanten, mit denen auch die neue Immobiliensteuer entrichtet wird. Mit einem neuen Ministerialbeschluss wurde die ab Rechnungsstellung beginnende Frist, innerhalb welcher die Verbraucher die Immobilien-Sonderabgabe entrichten müssen, um sich nicht mit einer möglichen Abschaltung der Stromversorgung konfrontiert zu sehen, von 40 auf 80 Tage verlängert.

Die erste Rate der neuen Immobilienabgabe ist auch selbst dann regulär zu entrichten, wenn Fehler in der Berechnung existieren oder Befreiungen (für Langzeitarbeitslose, kinderreiche Familien und andere besonders schutzbedürftige Gruppen) vorliegen. In den Fällen, in denen sich aufgrund der zahllosen und zum Teil immensen Berechnungsfehler eine Steuerdifferenz ergibt, wird diese mit dem nächsten Steuerbescheid oder mit der nächsten Abrechnung der DEI mittels Verrechnung mit zukünftigen Verbindlichkeiten erstattet werden.

5. Abwicklung anhängiger Steuersachen der Jahre 2000 – 2009 und Einreichung „vergessener“ Erklärungen

Am 30. Dezember 2011 läuft die Frist für die Inanspruchnahme der Regelungen für die Abwicklung anhängiger Steuerangelegenheiten (sprich Schließung nicht speziell geprüfter Geschäftsperioden gegen Entrichtung auf Basis pauschaler Kriterien bestimmter Nachsteuern) der Jahre 2000 – 2009 aus. Die ursprünglich am 30. November 2011 ausgelaufene Frist für die nachträgliche Einreichung „vergessener“ bzw. ergänzender Steuererklärungen wurde ebenfalls bis Ende Dezember 2011 verlängert.

6. Kraftfahrzeugsteuern des Jahres 2012

Die um 2 bis zu 120 Euro erhöhten neuen Kraftfahrzeugsteuern für das Jahr 2012 sind bis zum 30. Dezember 2011 zu bezahlen. Der Versand der einschlägigen Steuerbescheide hat gegen Ende November begonnen.

7. Einheitliche Immobilienabgabe ETAK 2009

Innerhalb des Dezembers 2011 werden knapp 1,3 Millionen Steuerzahler die „vergessenen“ Steuerbescheide zur Entrichtung der (seit 2010 wieder abgeschafften) „Einheitlichen Immobilienabgabe bzw. Grundsteuer“ (ETAK) des Jahres 2009 erhalten. Zu dieser Steuer veranlagt werden Ledige mit einem Immobilienvermögen im Wert von über 100.000 Euro und Verheiratete mit Immobilien im Wert von über 200.000 Euro.

8. Sonderabgabe 2009 auf großes Immobilienvermögen

Alle Eigentümer von Immobilienvermögen mit einem nach dem System der „objektorientierten Wertbestimmung“ festgestellten Wert von über 400.000 Euro werden mit den ETAK-Bescheiden für 2009 auch eine Sonderabgabe zu zahlen haben.

9. Steuer auf Immobilienvermögen für das Jahr 2010 (FMAP)

Bis Ende Dezember werden bei über 200.000 Steuerzahler, die am 01.01.2010 Immobilien im sachwertorientiert bestimmten Gesamtwert von mehr als 400.000 Euro besaßen, die „Rechnung“ über die Immobiliensteuer – Grundsteuer (FAP / FMAP) des Jahres 2010 einzutreffen beginnen.

10. Einkommensteuer des Fiskaljahres 2011

Die Entrichtung der jährlichen Einkommensteuer, die sich aus der Abrechnung der Steuererklärungen für Einkommen des Jahres 2010 ergab, ist im Gange. Die Bearbeitung von etwa 600.000  Steuererklärungen ist allerdings nach wie vor nicht abgeschlossen, und alle Steuerzahler, deren Steuerbescheid eine Steuerschuld ausweist, müssen diese nun in einer Einmalzahlung entrichten.

Die Entgleisung des griechischen Staatshaushalts 2011

Das in den zehn Monaten Januar – Oktober 2011 aufgetretene „Etat-Loch“ von 3,1 Mrd. Euro lässt eine Entgleisung des diesjährigen Defizits auf ein Niveau von über 9% des BIP erwarten.

Trotz der Korrektur der Einnahmeziele nach unten (anstatt der mit dem Mittelfristigen Rahmenprogramm vorgesehenen 54 Mrd. wurde die Vorgabe auf 51,3 Mrd. Euro gesenkt) ist inzwischen höchstwahrscheinlich, dass das Jahr 2011 mit einem neuen und höheren Defizit schließen wird. Alles wird von den Einnahmen entschieden werden, die in den nächsten Wochen in die Kassen des Fiskus fließen werden, da bis spätestens Februar 2012 noch Steuern in Höhe von 12,038 Mrd. Euro eingenommen werden müssen, damit der Haushalt des Jahres 2011 ohne weitere Abweichungen abgeschlossen werden kann.

(Quelle: Vradyni)

  1. Xristos
    4. Dezember 2011, 04:20 | #1

    Aha – jetzt sollen also wirklich die Menschen die Steuern zahlen, die sie seit Jahren dem Staat schulden – sehe ich das richtig? Und was ist denn bitte schlecht daran? Das muss ich in D zwangsweise jährlich, oder ggf. monatlich als Unternehmer, schon seit Jahrzehnten. Hätte jeder Grieche jedes Jahr ganz normal seine Steuern bezahlt, gäbe es das Problem doch nicht. Warum also jetzt stöhnen, nur weil der Betrug aufhört? Also wirklich… der Rest der EU zahlt die Steuern für die Griechen, die Ihren eigenen Staat jahrzehntelang betrogen haben??? Und diese Menschen beschweren sich auch noch genau darüber? Denen fehlen 99 Lepta zu jedem EURO – was sich auch auf die Hirnmasse beziehen könnte.

  2. admin
    4. Dezember 2011, 05:26 | #2

    Xristos :

    … was sich auch auf die Hirnmasse beziehen könnte.

    … und zwar speziell all Jener, die von dem griechischen Steuersystem offensichtlich nicht den geringsten Schimmer haben!

  3. Mojo
    4. Dezember 2011, 10:01 | #3

    Naja, so wirklich den Steuerwahn kann ich hier nicht erkennen. Wer Immobilien im Wert von mehr als 400.000 Euro hat, der zählt nicht unbedingt zu den Armen. Und eine Auto mit 1929 ccm Hubraum ist ja auch nicht wirklich ein kleines Auto… also irgendwie trifft es da nicht unbedingt die ganz armen Menschen. Immerhin!

  4. White Tower
    4. Dezember 2011, 16:23 | #4

    @ Xristos

    Bitte beschäftige Dich erst mal mit dem Land und seinem Steuersystem bevor Du Dein „Unwissen“ kund tust.
    Danke

  5. Rico Coracao
    5. Dezember 2011, 01:59 | #5

    Ein Staat kolabiert.. diese Steuerliste zeigt dies deutlich!
    Wer kein Geld mehr hat, kann auch nicht zahlen..
    In Griechenland wird`s brandgefährlich, denn der unkontrollierte Zusammenbruch
    steht bevor (uns warscheinlich auch)
    Wir werden Europaweit bald wieder Militär in den Straßen sehen..
    gegen Plünderbanden..wartet ab.. Anarchische Wochen, hoffentlich keine Jahre!

  6. Ralf
    5. Dezember 2011, 07:56 | #6

    Einen wirklichen Steuerwahn kann ich hier auch nicht erkennen. Sieht doch alles ok aus. Ist halt nun mal so in einem Land. Es ist natürlich schwer, wenn man daran gewohnt war die Steuerrelevanten Einnahmen jedes Jahr zu „vergessen“.

    Der Staat hat ein gravierendes Einnahmeproblem und muss nun auf solche Steuern ausweichen, die schwer zu „vergessen“ sind. Ist eigentlich verständlich.

    Ich kann den Griechen nur alles Gute wünschen. Unsere griechischen Freunde dort sind alles andere als glücklich. Es werden schwere Jahre werden…

    P.S. Unqualifizierte Kommentare wie von Xristos und Rico Coracao sind hier nicht wirklich hilfreich!!!

  7. nikos
    5. Dezember 2011, 08:31 | #7

    bin grieche und muß meine steuern in deutschland auch zahlen. ich weiß gar nicht warum meine landsleute sich aufregen.hätten sie nämlich in den letzten 30 jahren brav ihren fiskus geleistet wäre es nicht soweit gekommen! ich liebe mein land ,habe aber in der hinsicht leider kein mitleid,sorry!

  8. Ottfried Storz
    5. Dezember 2011, 12:44 | #8

    Ich kann keinen Zusammenhang zwischen der Steuerliste und einem angeblich kollabierenden Staat erkenne. Der griechische Staat benötigt extrem dringend viel Geld. Ansonsten gehen fast alle griechischen Banken in Insolvenz, die Spareinlagen sind futsch und Kredite mehrjährig fast ausgeschlossen.
    Das Sparvermögen der Griechen in Griechenland lag noch vor einem Jahr bei über einhundert Miliarden Euro – ohne die deutlich höheren Guthaben von Griechen im Ausland.
    Also auch ohne das relativ sehr hohe Immobilieneinkommen haben Griechen in Griechenland noch relativ sehr viel Geld. Individuell mag dies anders aussehen.

    Ich kann auch nicht erkennen, warum in 5/6 Europa (Nord- und Osteuropa plus Frankreich) wir „wieder Militär in den Straßen“ sehen sollten. Gewalttätige Demonstrationen sind ein Phänomen Griechenland, wo es einige tausend sehr gewaltbereite Anarchisten gibt. In den ebenfalls sehr von Einsparungen und hoher Jugendarbeitslosigkeit gebeutelten Irland, Portugal und Spanien gibt es sowas kaum.

  9. Coco
    5. Dezember 2011, 13:31 | #9

    Wie Xristos kann auch ich hier keinen Steuerwahn erkennen. Alle diese Steuern zahlen Bürger anderer EU-Länder schon immer und das zu festen Terminen. Blöd ist nur, daß der griechische Staat erst jetzt in der Wirtschaftskrise auf Steuerzahlungen besteht. Daß es da vielen ( arbeitslosen) Bürgern und Unternehmern schwer fällt verwundert nicht.
    Aber die gleichen die jetzt schimpfen, haben in den letzten Jahren auch deutlich mehr Geld zur Verfügung gehabt als z.B. ein deutscher Angestellter !

  10. Zolman
    6. Dezember 2011, 19:23 | #10

    @ Coco
    Ja,da gebe ich Ihnen Recht. Aber trotz allem sage ich, von jetzt auf gleich,das ist sehr schwierig und wird viel Leid und Elend erzeugen.

    Hoffen wir das es dazu nicht wirklich kommt.

    Der Hintergrund ist meiner Meinung nach nur,das gesehen wird, Griechenland macht was.
    Ist die Eurokrise überwunden, kann mit kleinen, kontinuierlichen Verbesserungsprozessen,die nicht so hart sind,weitergemacht werden.

    Aber,wenn selbst die Deutsche Bank davor warnt,das Griechenland 2012 eventuell den Euro aufgeben muss…

  11. baascht
    7. Dezember 2011, 09:49 | #11

    Wenn man aber bedenkt, dass all diese Steuern – die sicherlich nicht das Ende der Fahnenstange sind – gleichzeitig Ende Dezember fällig werden, dann kann man schon von einem gewissen Wahn sprechen. Sicherlich wird es manchen nicht weh tun, aber wenn ich lese, dass jeder ersteinmal die Imobiliensteuer bezahlen muss, egal ob Rechenfehler, Befreiung oder schlicht falsch Ausgestellt, dann trifft das sicherlich viele, die sich das inzwischen nicht mehr leisten können.

  12. White Tower
    8. Dezember 2011, 18:23 | #12

    Wenn man als Buerger keine Rechssicherheit hat dann kann man sehr wohl ueber Stererwahn sprechen.
    Ich frage all jene , die keinen solchen erkennen koennen folgendes – was wuerdet Ihr sagen , wenn Ihr morgen erwacht und habt jeder ploetzlich 500+zb.700€ Steuerschulden aufgrund eines Gesetzes welches heute Nacht auf Druck der Troika beschlossen wurde. Die Steuer wird zum Teil ueber Eure Energieversorgerrechnung eingehoben und wenn Ihr das Geld nicht habt oder leihen koennt , dann wird Strom/Energie nach 40/80Tagen abgeklemmt. Bitte erst ueber die Art des Zustandekommens der Abgaben informieren , und dann posten
    Danke

  13. admin
    8. Dezember 2011, 19:45 | #13

    @White Tower
    Das ist ja noch nicht alles: Obendrein werden die Mieter für die Steuerschuld des Eigentümers in Vorkasse genommen und müssen sehen, wie sie a) das Geld zusammen und b) erstattet bekommen – von den irrwitzigen Fehlveranlagungen einmal ganz zu schweigen, obwohl auch in diesen Fällen die Steuer erst gezahlt werden muss und dann vielleicht irgend wann einmal verrechnet werden wird.
    Was würde wohl in Deutschland los sein, wenn alle Empfänger von Hartz IV plötzlich aus eigener Tasche die Grundsteuer für ihre Mietwohnungen vorstrecken und sich das Geld von den Eigentümern und Wohnungsgesellschaften zurückholen müssten?

  14. Ottfried Storz
    13. Januar 2012, 21:03 | #14

    Immer mehr Steuern, aber immer weniger Steuereinnahmen:

    Wie das griechische Finanzministerium heute mitteilte, sanken die Steuereinnahmen im Jahr 2011 trotz diverser Steuererhöhungen um -1,7% und die Ausgaben stiegen trotz Sparanstrengungen um +2,8%, im Vergleich zum Vorjahr.
    Das Defizit kletterte auf -21,638 Mrd. Euro, nach -21,457 Mrd. Euro im Vorjahreszeitraum!
    Ohne Zinsaufwendungen sanken die Staatsausgaben um lächerliche 1,3 % oder 703 Mio. Euro. Zum Vergleich: Mehrere baltische Staaten und Irland erreichten deutlich zweistellige Rückgänge bei den Staatsausgaben innerhalb nur eines Jahres.

    Inklusive den geleisteten Zahlungen aus den Verbindlichkeiten der Sozialversicherungen und den Krankenhäusern betrug das gesamtstaatliche Defizit -27,244 Mrd. Euro.
    Damit müsste sich das Defizit gemäß Maastricht-Definition ca. auf -12,0% bis -12,5% des nominalen BIPs im Jahr 2011 belaufen.
    Dieses Griechenland ist nicht reformierbar.

    Quellen:
    http://www.griechenland.net/news_details.php?siteid=12495
    http://www.querschuesse.de/daten-zum-griechischen-staatshaushalt-2011/

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